Die, die daheim geblieben sind…
Heute nun mal ein etwas anderer Bericht. Es sind die Worte einer Daheimgebliebenen. Von einer Frau, die 141 Tage auf ihren Mann verzichten musste, weil er in den Einsatz musste. Eine Email, die ich in den letzten Tagen erhalten hatte und mit freundlicher Genehmigung der Dame hier veroeffentlichen darf. Diese Zeilen spiegeln die Sorgen und Noete derer wieder, die ihren Alltag ploetzlich alleine “ueberstehen” muessen. Ich moechte Ihnen diesen Artikel nicht vorenthalten, spiegelt er doch wieder, was es fuer die Familien bedeutet, wenn ihre Lieben viereinhalb Monate im Einsatz sind…fernab der Heimat.
141 Tage
Vielleicht werden es weniger, vielleicht aber auch mehr. Es ist eine Zahl, die mich die nächsten Monate begleiten wird. Mein Mann ist als Soldat im Auslandseinsatz im Kosovo und voraussichtlich werden wir uns diese vielen Tage nur über Briefe und das Telefon unterhalten. Eine Trennung über Monate ist für jede Beziehung ein schweres Trauma und ich habe mich entschieden, damit zu leben. Auf den nachfolgenden Seiten schreibe ich, wie ich und meine Familie gelernt haben, auch damit umzugehen.
Leider wird nach meiner Auffassung durch die Öffentlichkeit hierzulande nur in geringem Maße die Arbeit unserer Soldaten in den Einsatzgebieten gewürdigt, jedoch noch beschämender finde ich für dieses Land, dass all die Familien, die hinter den fast knapp 7000 deutschen Soldaten in Einsätzen auf der ganzen Welt stehen, dabei nicht einmal erwähnt werden. Denn auch wir sind Teil der „Mission“ und leisten unseren Beitrag zu deren Gelingen, vielleicht nicht unter Einsatz unseres Lebens aber eben auch unter sehr schwierigen Bedingungen. Diese Ignoranz der Gesellschaft uns gegenüber ist für mich Zeichen des Desinteresses an einer wirklichen Auseinandersetzung mit der Problematik „Auslandseinsatz“. Hier sollten nämlich nicht nur politisches Kalkül, Machtverhältnisse und finanzielle Interessen im Vordergrund stehen, sondern hauptsächlich diejenigen Menschen, die einerseits in den Ländern vor Ort helfen und auf der anderen Seite alle, die ihnen dabei zur Seite stehen.
Für diese Menschen und alle, die es interessiert, ist dieser Text.
Verdrängen, Wut und Ohnmacht, Stress
Seit dem Frühjahr 2007 wussten wir, dass S. in den Einsatz gehen wird. Eigentlich wussten wir es, seit dem wir uns kennen, aber ein möglicher Auslandseinsatz spielte in unserem Leben bisher nur eine untergeordnete Rolle, denn er war ja nicht aktuell. Ich wusste, dass er mit seiner Unterschrift beim Eintritt in die Bundeswehr auch informiert war, dass Einsätze vorgesehen sind. Wenn wir manchmal darüber sprachen, dann nur so nebenbei, wir schoben alle Gedanken daran in die hintersten Schubladen unserer Köpfe. Wie hätten wir auch über etwas sprechen sollen, von dem wir nichts wussten. Die Berichte in den hiesigen Medien über Gewalttaten, Bombenexplosionen und Raketenangriffe erschreckten mich und was gibt es da Besseres als zu verdrängen. Und das taten wir auch bis eben im März seine Kommandierung feststand.
Da saß ich S. nun ungläubig in unserer Stammkneipe gegenüber und hörte ihn sagen: „Im Januar gehe ich in den Kosovo.“ Mehr nicht und ich kenne ihn, was das Reden angeht, als typischen Vertreter der Männerwelt, die eben nur Kernsätze von sich geben und damit meinen, alles gesagt zu haben. Also musste ich nach dem Wann, Wie lange und Wohin fragen, aber wie sollte ich denn fragen, wenn ich doch selbst nicht die geringste Ahnung vom Thema hatte? Später begriff ich dann, dass bei der Bundeswehr auch ein Termin für den Abflug erst dann hundertprozentig feststeht, wenn der Flieger schon wieder gelandet ist. Außerdem war ja der Januar noch so weit weg. Es war gesagt und dabei blieb es, fragen konnte ich ja später immer noch, und damit war das Thema erstmal in weite Ferne gerückt.
Ich war durch meine Arbeit abgelenkt, wir führten wieder mal eine Wochenendbeziehung und es gab tausende Dinge, die uns mehr beschäftigten als das, was in einigen Monaten auf uns zukomme würde: unsere Töchter, seine neue Dienststelle, mein befristeter Arbeitsvertrag, unsere Familienbesuche jeweils 600 km weit weg und vieles andere.
Irgendwann im Sommer tippte ich im Internet umher und fand diese Seite, auf der sich im Chat oder Forum Angehörige von Soldaten oder Soldatinnen im Einsatz treffen und austauschen. Und in diesem Moment sprang mir die Realität mit voller Wucht entgegen. Ich heulte zum ersten Mal stundenlang. Dort erfuhr ich das, was ich bisher nicht fragen konnte. Da trafen sich all die Angehörigen, die teilweise schon fünf oder sechs Einsätze ihrer Partner erlebt hatten mit ihren Infos, Sorgen, Ängsten und Fragen. Ich las und fragte und wurde freundlich aufgenommen.
Von da an war ich wohl besser informiert als S.. Ich konnte ihm Dinge erzählen, hatte auf einmal tausende Fragen an ihn, die er meist noch nicht beantworten konnte. Die Angst vor diesem Einsatz kam und ließ mich bis zu seinem Abflug nicht mehr los.
Die Lehrgänge begannen und ich las irgendwo den Satz, dass diese Zeit auch dazu diene, den Kontakt zur Familie zu reduzieren, also den Soldaten auf die lange Trennung vorzubereiten. Die Termine einzelner Veranstaltungen überschnitten sich teilweise, ganze Lehrgänge wurden storniert oder verschoben. Mich überkam dabei das eine oder andere Mal der Gedanke, dass es im Einsatz hoffentlich nicht so chaotisch ablaufen werde. Es war eine sehr schwere Zeit für die Familie, unser Wohnzimmer glich über Monate einer BW – Kleiderkammer, nur das diese immer sehr ordentlich aufgeräumt sind. Immer wieder musste umgepackt werden, ich konnte bald die Pack-Listen auswendig. An einen gemeinsamen Sommerurlaub war einfach nicht zu denken. Wir entfremdeten uns tatsächlich. Er ging in seiner neuen Aufgabe im neuen Standort auf, stürzte sich in seine Arbeit – es war seine Art, sich vom Nachdenken über das Bevorstehende abzulenken - und dabei kamen wir Mädels zu hause oft zu kurz. Natürlich hat er mir viel von seinen Vorbereitungslehrgängen erzählt, von der Übung in einem nachgebauten Dorf mit vielen Komparsen, von der fingierten Entführung und Befragung und dass er wirklich erstaunt war, wie schnell er an seine Grenzen stieß. Und dass er im Stressbewältigungsseminar einfach eingeschlafen ist und beim Wecken dann gelobt würde, weil guter Schlaf die beste Stressbewältigung sei. Letzteres war oft unser Thema, weil ich erfahren habe, dass es bei der BW wirklich damit nicht zum Besten steht. Die Männer haben eben oft doch Angst, dass ein Besuch beim Psychologen oder Sozialarbeiter Folgen für ihre weitere Karriere hat und sind nicht in der Lage Hilfsangebote zu nutzen. Oft wissen sie einfach nur nicht, dass es auch anonyme Möglichkeiten gibt. Er musste mir versprechen, sich nicht mit seinen Problemen zurückzuziehen und nach Männerart die Ich-schaffe-das-allein-Methode durchzuziehen. Ich glaube, innerlich hat er es aber damit nicht ernst gemeint. Männer weinen ja nicht – wenigstens glauben sie das. Beim Abschied von der Liebsten sieht das dann schon ganz anders aus…
Ich versuchte mich irgendwie auf die Zeit ohne ihn vorzubereiten Ich begann alles zu lesen, was in irgendeiner Weise mit dem Kosovo zu tun hatte, jeder Artikel, jede Fernsehsendung oder sonstige Info wurde abgespeichert, ich fand Bilder von den Feldlagern im Kosovo und zeigte sie S.. Ich lud Info-Broschüren für Angehörige der Bundeswehr zu den Einsätzen aus dem Internet runter und las sie ihm vor. Ich entwickelte mich zum Bildungsjunkie, die alles in sich aufnahm, was mit dem Balkan zu tun hatte. Einmal schlug S. mir vor, die nächste Polit-Info zum Thema „Kosovo“ in seiner Kompanie zu übernehmen, was hätte ich auch gerne gemacht hätte, nachdem ich mitbekam, dass den Offizieren als Vorbereitung auf ihren baldigen Einsatz im zu 90% albanisch sprechenden Kosovo als erstes ein serbisch-deutscher Sprachführer ausgeteilt wurde. Genauso verwunderlich für mich war der geprobte „Aufstand gegen die KFOR“, der eindeutig pro-serbisch angelegt ist. Dabei sollte doch der Vorbereitungsleitung klar sein, dass nach der für den Anfang des Jahres bevorstehenden Unabhängigkeitserklärung des Landes von Serbien die albanische Bevölkerung auf die Hilfe der Nato angewiesen sein wird und sich in keinem Fall gegen sie wenden wird. Egal, wer gegen wen, aber wo ist da die gebotene Neutralität?
So bereiteten wir uns recht unterschiedlich auf den Einsatz vor. Aus mir sprudelte das Wissen heraus, er beantwortete meine Fragen. S. vergrub sich in seiner Arbeit, war zunehmend auch körperlich erschöpft.
Dieses Gefühl der Ausgeschlossenheit von seiner Vorbereitung und seiner Arbeit während des Einsatzes hatte ich immer und es verstärkte sich mit jedem Tag. Einerseits beginnt die Betreuung der Angehörigen durch das zuständige FBZ (Familienbetreuungszentrum) erst, wenn der Einsatz bereits begonnen hat. In unserem Fall musste ich trotz schriftlicher Anmeldung vorab, selbst dort anrufen und bekam erst zwei Wochen nach Einsatzbeginn die erste Einladung zu einer Veranstaltung.
Auf der anderen Seite nahmen wir Zuhausebleiber ja auch nicht an einer einzigen vorbereitenden Veranstaltung zusammen mit unseren Männern teil. Wie gerne hätte ich seine Kameraden kennen gelernt, um zu wissen, mit wem er arbeitet und auf wen sich dort verlassen muss. Auch das große Herbstfest seiner Kompanie mit der Anwesenheitspflicht bei den Vorträgen und im Bierzelt brachte mir keinen wirklichen Kontakt zu anderen Angehörigen seiner Kompanie.
S. hatte immer versucht Privates und Job zu trennen. Bisher funktionierte das auch gut, er konnte so jeweils vom anderen abschalten. Jetzt aber verschmolzen diese beiden Welten, so stellte ich mir auch einen Teil des Einsatzes vor, dann war sein Privates ja auch mein Privates und ich wollte eben dabei sein. So richtig verstand er das wohl nicht, vielleicht war ich auch nur wieder mal zu schnell mit meinen Gedanken. Man zeigte uns in Roding wie ein Checkpoint funktioniert, wie das Biwak aussieht, wir durften die Geräte und Container besichtigen. Die Kinder fuhren Fuchs. Wie ein großer Jahrmarkt. Für mich haben Kinder nichts mit militärischen Geräten gemein, sie passen einfach nicht zusammen. Ein Panzer hat nun mal etwas mit Krieg zu tun und deshalb stehe ich solchen Veranstaltungen eher skeptisch gegenüber. Immer wieder hörten wir den Satz: „Die Lage im Kosovo ist ruhig, aber nicht stabil.“ Und was bedeutet das übersetzt in ziviles Deutsch? Das Fest endete mit einem Besäufnis der Nachschieber am Tisch nebenan, die dann reihenweise von den Bänken kippten und mir drängte sich die beklommene Frage auf: „Und die sollen im Einsatz unser Land repräsentieren?“
Ab November begann die Zeit zu rennen, wir bemühten uns, seine Unterlagen fertig zu machen, druckten Checklisten aus und wollten sie abarbeiten, aber es war keine Zeit dafür. Ein Lehrgang jagte den anderen. Wir schoben immer wieder alles vor uns her. Die Inspektion seines Autos, die Organisation einer Unterstellmöglichkeit für mein Auto, die lange geplanten Reparaturen in der Wohnung, meine Einweisung in seine Unterlagen. Alles kam so, wie es laut BW-Broschüren nicht sein sollte. Ich war gereizt, gehetzt, wollte zum ersten Mal, dass es endlich so weit ist und er abfliegt, damit diese Dauerbelastung für uns aufhört. Damals war das Forum der Frauenseite schon oft meine Rettung vor Wutausbrüchen und Heulanfällen. Es ging anderen nicht anders und das war gut zu wissen.
S. und ich sprachen über eine Patientenverfügung, die Vollmachten und andere wichtige Unterlagen. Es ist nicht leicht, über dieses Thema zu sprechen, wenn man jung und gesund ist und ein vermeintliches Abenteuer vor sich hat. Es gelang uns nicht, in Ruhe darüber zu reden, geschweige denn schriftlich zu formulieren. Immer öfter kamen mir die Tränen und ich konnte nicht mehr richtig schlafen. Zu den psychischen Auswirkungen dieser Vorbereitungen kamen auch körperliche Anzeichen von Stress, ich hatte Magenschmerzen, mir war morgens oft übel und ich konnte nicht mehr essen. Die Mädels drehten weiter am Pubertätsrad, unser Hund lief nur noch mit traurig hängenden Ohren herum. Im Nachhinein weiß ich jetzt, dass wir alle auf das Äußerste unter Druck waren.
In seiner Familie wurde der bevorstehende Einsatz totgeschwiegen, was mir bewusst machte, dass ich von dieser Seite keine mentale Unterstützung bekommen würde. Wenn ich mit seiner Mutter am Telefon darüber sprechen wollte, fing sie an zu weinen oder sprach ein anderes Thema an. Dieser zunehmende Abstand zu seiner Familie belastete uns noch zusätzlich. Erst später habe ich begriffen, dass sie mit der Situation einfach überfordert war und sich aber im Gegensatz zu mir, vor einer Auseinandersetzung damit drückte.
Ich hatte einen letzten gemeinsamen Urlaub an der Ostsee geplant, ich wollte eine Woche mit meinem Mann allein sein. Das Vorhaben seiner Eltern uns dort zu besuchen, konnte ich rechtzeitig verhindern, was die Stimmung zwischen uns nicht gerade aufheiterte. Manchmal sind Männer einfach nicht in der Lage zu erkennen, was wirklich in einer Beziehung wichtig ist. Sie können ebenso wenig die Mama loslassen, wie viele Mütter ewig ihren Söhnen die Wäsche waschen oder ihnen Essen kochen, wenn die Frau mal weg ist.
In dieser Zeit organisierte ich den Haushalt, den Unterstand fürs Auto, alles was mit den Mädels zu tun hatte und auch die zivilen Vorbereitungen auf den Einsatz, die ich erledigen konnte. Die ersten Überraschungen für S. mussten gekauft und eingepackt werden, damit sie vorab in der Kiste mitreisen konnten und er sie dann als erstes im Lager auspacken konnte. Nebenbei ging ich natürlich auch arbeiten. Und das alles mit 2 pubertierenden Teenagern im Haus, die sich im Prinzip nur um sich kümmerten, wenn sie sich nicht gerade in den Haaren lagen. Sicher hat das auch daran gelegen, dass wir zu wenig Zeit hatten, sie in die Vorbereitungen einzubeziehen.
Mitte Dezember kam diese E-Mail von einem deutschen Feldjäger aus dem Ausbildungslager der Afghanischen National Polizei in Mazar-e-Sharif irgendwie in mein Postfach im Büro. Er bat darin verschiedene Firmen, seinen Kameraden Weihnachtsgrüße zu übermitteln, da sie ja dieses Jahr nicht zu hause feiern würden. Und da war es wieder, dieses Gefühl, wenn Dich das wirkliche Leben anspringt und Du nach hinten umfällst. Mir schossen die Tränen in die Augen, am Vormittag, im Büro, vor den Augen aller Kollegen und ich konnte nichts dagegen tun. Das sollte in den folgenden Monaten noch oft passieren und es erwischte mich jedes Mal unerwartet und eiskalt. Ich habe ihm geantwortet, obwohl ich wusste, dass sich meine damalige Firma nicht politisch oder anderweitig engagiert. Ich habe ihm als Frau, deren Mann selbst bald im Einsatz sein wird, zurück geschrieben. Das Gefühl, doch nicht ganz so allein und unverstanden zu sein, machte mir Mut.
Ach ja, und Weihnachten stand ja auch noch bevor. Dieses Jahr feierten wir das erste Mal seit 4 Jahren getrennt. Ich konnte es einfach nicht ertragen, die Feiertage mit seinen Leuten zu verbringen und mich darüber zu ärgern, dass wieder einmal nicht über das gesprochen werden würde, was uns alle anging. Unsere Beziehung stand vor ihrer ersten Zerreißprobe, praktisch wollte ich nur noch meinen gewohnten Alltag zurück und nichts mehr vom Einsatz wissen. Ich wollte mal wieder ohne grünen Tarnfleck leben.
Immer öfter freute ich mich auf seinen Abflug und stellte mir vor, wie ich stundenlang Briefe schreiben würde. Vor dem Fest starb seine Oma, damit war jegliche Aussicht auf vielleicht doch das eine oder andere offene Gespräch mit seiner Familie über S.s Einsatz erloschen.
Ich floh über die Feiertage zu meinen Eltern, die mir in dieser schweren Zeit und auch in all den langen Wochen des Alleinseins immer zur Seite standen und sich jederzeit alle meine Sorgen anhörten.
Natürlich fehlte S. mir während des Festes sehr, aber ich war irgendwie wütend auf ihn, auf den Vorbereitungsstress, die unordentliche Wohnung, den Einsatz und einfach auf alles. Er würde mich verlassen, würde ein anderes Land sehen, würde gute Arbeit leisten und dafür Anerkennung ernten. Und ich würde zu hause weiterhin den wenig geachteten Alltag einer Frau und Mutter absolvieren. Wie ein bockiges Kind stampfte ich innerlich mit den Füßen und tobte.
Unseren Ostsee-Urlaub verschoben und verkürzten wir. Meine Laune sank gegen Null. Zur Wut kam das Gefühl der völligen Ohnmacht, rein gar nichts gegen den Einsatz tun zu können. Ich hätte mich nackt und schreiend auf den Marktplatz in einem katholischen Dorf im tiefsten Oberbayern stellen können, aber es hätte nichts geändert. Mich beschlich die Ahnung, dass sich die Welt auch im Januar, Februar und immer einfach so weiter drehen würde.
Wir fuhren drei Tage in den Urlaub und sprachen nicht vom Einsatz, wollten einfach nicht mehr daran denken. Drei Tage am Meer, allein für uns ohne den Rest der Welt. Nur reden, Essen und Spazierengehen. Ich war so traurig, als wir abfuhren. Diese kurzen Tage haben uns gerettet, weil ich begriff, dass nicht unsere Beziehung kaputt war, sondern nur die Umstände, unter denen wir sie gerade führen mussten.
Mein Arbeitsvertrag endete im Dezember, es kam also wieder einmal alles zusammen. Ohne Arbeit und dann noch ohne Mann! Ich machte mir einen Plan, wie es denn nun weiter gehen sollte. Frauen haben immer einen Plan in petto. Ich gehe gern arbeiten, ich brauch das für mein Ego und meinen Kopf. Vom Konto ganz zu schweigen. Bis zum Abflug am Tag X würde ich nichts machen, wollte alles auf mich zukommen lassen und abwarten, einfach mal unbezahlten Urlaub machen. Meine Eltern hatten sich für Anfang Februar zu Besuch angemeldet. Außerdem war Fasching und da steht sowieso alles still. Und ab Mitte Februar würde ich dann anfangen mich zu bewerben, aber nicht mehr Masse sondern nur noch Klasse. So weit der Plan.
Uns blieben noch 2 Wochen bis zum Abschied und es wurde ruhig. Ich hatte einfach genug davon, die zivilen Vorbereitungen selbst in die Hand nehmen zu müssen, weil mein Liebster derartig beschäftigt war, dass er keine Zeit dafür hatte. Deswegen hörte ich einfach auf damit. S. nahm Urlaub und wir lebten wieder zusammen. Wir gingen aus und konnten endlich alles besprechen, was uns beschäftigte. Wir trafen Freunde, gingen zusammen einkaufen und er ordnete seine Sachen. Ich konnte fragen und bekam Antwort, wir redeten stundenlang. Manchmal dachte ich: „Mensch, du musst ja noch packen, wir fahren doch bald weg.“ Auch die Mädels fragten und fragten ihm Löcher in den Bauch. S. bewies sich wieder mal als geduldiger Zuhörer und Erklärer. So erfuhr ich auch nebenbei, dass es jetzt Gefechtshelm und nicht mehr Stahlhelm heißt. Die gesamte Ausrüstung wurde von uns allen anprobiert und auf Tauglichkeit geprüft. Die Schutzweste habe ich mir selbst angezogen und hoffte dann, an die Wand gelehnt, um nicht in irgendeine Richtung umzufallen, sie möge gut auf ihn aufpassen. Er versprach uns, oft zu schreiben, uns so oft es ging anzurufen und wir richteten skype auf unseren PCs ein. Internettelefonie mit Videoübertragung.
Die große 150 kg Alu-Kiste war schon lange in Roding und wartete auf den Transport in den Kosovo.
S. schrieb seine Vollmachten und die Patientenverfügung. Er setzte mich in allem als einzige Person ein. Ich war erschrocken über die große Verantwortung, die ich damit übernehmen sollte. Hatte ich denn nicht schon mit den Kindern genug? Ich zweifelte, ob ich das schaffen würde. Meine erste Reaktion war für ihn enttäuschend, ich wollte lieber noch jemanden im Falle einer so schweren Entscheidung an meiner Seite wissen und nicht allein entscheiden müssen, ob zum Beispiel die Maschinen im Krankenhaus abgeschaltet werden sollen. Bei der Gelegenheit erfuhr ich auch, dass er mich sowieso schon in all seinen Versicherungsverträgen als bezugsberechtigt eingesetzt hatte, weil er mir absolut vertraut. Ich war sprachlos. Ich glaube, wir lernten uns in den Wochen vor dem Einsatz durch all die tiefen Erlebnisse viel intensiver kennen als in unserer bisherigen gemeinsamen Zeit. Und sein völliges Vertrauen in mich überzeugte mich davon, dass ich ihm auch vertrauen kann. Die Verantwortung füreinander wurde nicht größer durch eine Patientenvollmacht. Sie ist einfach Bestandteil unserer Beziehung und Ausdruck unseres gegenseitigen Vertrauens.
Die letzte gemeinsame Woche kam. Natürlich musste er wieder in die Kaserne, warum, weiß kein Mensch. Die Aufträge dort waren abgearbeitet oder übergeben, alle saßen also den ganzen Tag rum und warteten darauf, dass die Zeit vergeht. Eine völlig sinnlose Aktion und ich schnaubte wütend vor mich hin.
Am Montagmorgen fuhr S. nach Pfreimd und kam am Dienstagabend wieder nach hause. Wir sind bestimmt drei Mal in dieser Woche zum letzten Mal ein Bier trinken gewesen, es gab viele Anrufe bei Verwandten, um sich zu verabschieden, es gab wieder mal das Stück „Ich packe“, dieses Mal aber war es das Handgepäck mit schlappen 40 kg. Hat er nun vier oder fünf Mal den Schlafsack anders zusammengerollt, damit noch was in den Rucksack passte? Ich weiß es nicht mehr, nur dass ich andauernd über das Chaos gelacht habe. Ich entspannte mich zunehmend. Wir hatten ja alles erledigt. Nur ein Testament hat er nicht geschrieben, obwohl es empfohlen wird. Ich habe ihn ein paar Mal daraufhin angesprochen, aber er meinte dann nur, er habe eh nix zu vererben, ich bekäme sowieso all sein Geld und sogar noch sein Auto. Ja so pragmatisch kann man es auch sehen. Eigentlich ist es bei uns mein Part „No Risk - no Fun“ zu rufen und dann beim Würfeln haushoch zu verlieren.
Ich fuhr ihn am Donnerstagabend zum Standort. Obwohl sein Flieger am Freitagmorgen um 8.00 Uhr 30 km westlich von uns starten würde, fuhren wir auf BW-Geheiß 170 km nach Norden, um uns dort zu verabschieden. Viel gesprochen haben wir während der Fahrt nicht, es gab keine Worte für das, was ich hätte sagen wollen. Und wieder diese Ohnmacht. Konnten denn nicht genau jetzt gleich drei Meter Schnee fallen, damit der Flieger nicht starten kann? Nur, weil diese Leute nicht in Frieden leben können, musste mein Mann jetzt dahin. Warum? Ich habe nicht mal geweint, ich war einfach nur still und habe mich während der zweistündigen Fahrt von ihm verabschiedet, so von innen heraus. Nicht mal das Radio war an, es war irgendwie ganz leise, so dass wir uns ohne Worte unterhalten konnten. Kann ich das Gefühl in den Fingerspitzen speichern, wie es ist, dir durch die Haare zu fahren? Kann ich das Bild von dir auf meine Kopf-Festplatte ablegen, wenn du morgens aufwachst, deinen Geruch dann? Was soll ich nur ohne Dich machen? Du fährst in eine andere Welt, wo wir keinen Platz haben, aber hier bleibt dieses Riesenloch wie ein Meteoriteneinschlag zurück.
Alles ist gleich, alles ist anders
Dann ging alles an mir vorbei, der letzte Kuss, der letzte Blick zurück, wie er dort vor dem Haus stand, so allein. Ach was, ist doch ein großer Kerl, der schafft das schon, ging es mir durch den Kopf. Am liebsten wäre ich umgekehrt und hätte meinen großen Kerl mitgenommen.
Ich hatte zu mit mir tun, war seit Monaten nicht mehr mit seinem Auto gefahren und nun gleich die lange Strecke allein im Dunkeln wieder nach hause. Ein Diesel ist kein Benziner, ein Diesel mit 120 PS ist erst recht kein Benziner mit nur 60. Das hatte mein Liebster. mir ja schon vor Tagen versucht zu erklären, und prompt würgte ich das Auto an der ersten Ecke noch in der Kaserne ab. Diese Fahrt hat mich über die ersten einsamen Stunden gebracht, ich hatte absolut keine Zeit an irgendetwas anderes als Autofahren zu denken. Und zu hause fiel ich ins Bett und dachte auch an nichts mehr.
Für die Mehrheit der Soldaten stand der Rückflugtermin sehr schnell fest, ihre Frauen hatten schon den Sommerurlaub geplant. Für uns gab es die längste Zeit nur eine vage Vermutung, dass er irgendwann in den ersten zwei Juniwochen wieder nach hause kommen würde. Ich hatte es mehrfach ausgerechnet, hatte per Hand alle Tage nachgezählt und zur Kontrolle die Tage der einzelnen Monate addiert: bis zum letzten erhofften Tag waren das 4,5 Monate oder 141 Tage oder 3384 Stunden oder 203 040 Minuten ohne ihn. Und wieder war es eine Mischung von Stolz und Wut auf seine Arbeit, dass er als Zugführer eben viel mehr Verantwortung hatte, als erster runter musste und als einer der Letzten zurückkommen würde. Es gab längere Einsätze, aber meine Zahlen waren für mich unfassbar genug. Die allabendlich vom Maßband abgeschnittenen Schnipsel wanderten in den Müll, aber irgendwie wurde das Ding nicht kürzer.
Alles veränderte sich, auch wenn es nach außen vielleicht den Anschein hatte, es gehe alles seinen gewohnten Gang und wir würden uns gut beschäftigen. Wir drei Frauen hatten beschlossen, dass sein Stuhl in der Küche frei bleibt, seine Schuhe im Schuhregal stehen können und seine Zahnbürste im Becher vor dem Spiegel. Eigentlich sollte alles so bleiben wie es war, weil S. seinen festen Platz in unserer Familie hat und niemand diese Lücke füllen wird. Und doch gingen hier eine Menge Veränderungen vor.
Nicht nur, dass mein Leben anfangs hektisch zwischen Briefpapier, Telefon und Internet verlief, sondern auch gedanklich war ich nur noch mit dem Kosovo beschäftigt. Ich las jeden Artikel, den ich finden konnte und stellte mittlerweile täglich aktuelle Meldungen dazu ins Forum. Ich konnte nicht mehr einschlafen und wurde zum Nervenbündel. Es ist sehr schwer für jemanden, der nicht vor Ort ist, nur anhand von ausländischen Nachrichten einzuschätzen, wie die Lage wirklich ist. Schließlich wird mit Informationen viel Geld verdient und die erste Schlagzeile mit einem „sensationellen“ Aufmacher bringt am meisten. So musste ich lernen, dass ein niedergebrannter Grenzposten einfach nur ein brennendes Auto sein kann und eine Kriegsdrohung eines Staates nicht immer einen Krieg bedeutet.
Dazu kamen die spontanen Anrufe meines Mannes. Spontan waren sie deshalb, weil sie nie in unseren hiesigen Tagesablauf passten. Mir kam es oft so vor, als ob dort ein anderes Zeitempfinden existiert, nur Dienst ohne Unterbrechungen durch Wochenenden oder den Feierabend in einer anderen Umgebung. 20 Stunden in Uniform. Die Tage mussten sich so sehr ähneln, dass er mich manchmal fragte, welchen Wochentag wir hatten.
Ich mochte es früher immer, egal zu welcher Tageszeit mit ihm zu telefonieren, wir haben uns so gegenseitig auf dem Laufenden gehalten und uns über alles unterhalten, wenn wir getrennt waren, aber jetzt war es etwas anderes. Wenn ich ihn manchmal nach vielen vergeblichen Versuchen und weiteren rauschenden Verbindungen mit der netten Ansage, der gewünschte Teilnehmer existiere nicht, am anderen Ende hatte, war uns doch bewusst, dass wir nichts sagen konnten, weil wahrscheinlich die ganze Welt mithörte. Weder seinen aktuellen Tagesablauf noch bevorstehende Termine oder Fahrten erfuhr ich. Nur ab und zu erzählte mir S. von Fahrten in nahe gelegene Dörfer der Umgebung. Auch ich sollte ja nicht so viel Privates erzählen, keine konkreten Orte oder Zeiten, Namen nennen. Natürlich verstand ich, wie wichtig dieses Vorgehen für die Sicherheit aller ist. Aber was bedeutete es für unsere Beziehung, sich nur übers Wetter und das Essen unterhalten zu können. Ich lernte neue Fremdwörter und konnte nach scheinbar nebensächlichen Dingen fragen, um wenigstens ein wenig dabei zu sein: sie gingen in den Turbolader (die Betreuungseinrichtung der Kompanie) und zu Big Brother, einem kleinen Einkaufsmarkt, ihre Locals, das sind einheimische Angestellte, waren alle sehr freundlich und hilfsbereit.
Seine zärtliche Stimme zu hören war wunderbar, manchmal hörte ich gar nicht richtig hin, was er sagte, sondern nur wie es klang. Mir fiel auf, dass er am Telefon oft mit seinen Gefühlsäußerungen sehr zurückhaltend und distanziert war. Jemand erklärte es mir so: je länger der Einsatz dauerte und je stärker das Heimweh wurde, um so mehr versuchten sich manche davon abzuschotten, verdrängten ihre Gefühle für zu Hause, um als Mann keine Schwäche zu zeigen. Also war er genauso „tapfer“ wie ich, nur dass er es anders zeigte und ich liebte ihn dafür.
Außerdem konnte ich auch nicht ständig zu hause warten, ob er vielleicht jetzt anrief und die Gedanken, er meldet sich dann, wenn ich unterwegs bin, machten mich nervös. Ist der Akku vom Telefon geladen? Mitten beim Essen aufzuspringen, weil skype anklingelte. Skype war sowieso ein Thema für sich. Wenn ich was nicht ertrage, dann Technik mit Versprechen über die und die großartige Funktionalität, die dann versagt. So war skype. Entweder war die Video-Übertragung schlecht und ich sah S.s wie einen verpixelten Zombie oder es gab nur Standfotos. Im schlimmsten Fall gab es weder das Eine noch das Andere, aber dafür dann mit schlechter Tonqualität, so dass wir uns anschreien mussten. Wie oft legte ich entnervt auf und schrieb mir dann den Frust darüber in einem Vier-Seiten-Brief von der Seele.
Die erste hohe Telefonrechnung kam und wurde ein weiterer Grund sich zu disziplinieren. Also machten wir feste Termine für Anrufe und Internet aus und es ging mir sehr gut damit, wenn sie dann eingehalten werden konnten, was oftmals nicht der Fall war. Wir hatten ja noch E-Mails, sms und die Briefe. Oft musste ich daran denken, wie es wohl den Angehörigen in den ersten Einsätzen gegangen sein musste, die diese Möglichkeiten nicht hatten und wie ungerecht mein Jammern über eine schlechte Internetverbindung doch war.
Also schrieb ich Briefe, stundenlang und erzählte ihm alles. Irgendwann war es mir egal, wer die noch las. So konnte ich mit S. reden, meinen Tag erzählen, meine Ängste beschreiben und Fragen stellen. Und ich wartete ungeduldig auf Post von ihm, dabei telefonierten wir doch oft, schrieben täglich sms. Für mich war, einen Brief von ihm zu lesen, eben was anderes als eine sms, ein Anruf oder chatten. Ein Brief bedeutete vollständige Sätze, etwas, das er vorher berührt, in der Hand gehalten hatte und ich konnte ihn immer wieder lesen, ihm zuhören, konnte seine Worte unter mein Kopfkissen legen und an ihn denken. Ein Brief roch nach ihm. S. konnte anfangs nur selten schreiben, da waren die Wochen der Kontingentübergabe mit 15 Stunden Dienst, nach der Unabhängigkeitserklärung gab es hohe Besuche, die die Arbeit mehr aufhielten als vereinfachten, Besprechungen. All das konnte er mir erst viel später erklären.
Die Mädels waren oft enttäuscht, weil sie abends oftmals schon schliefen, wenn wir telefonierten, und so noch weniger Kontakt zu ihm hatten. Ich versuchte, es ihnen zu erklären, aber wir hatten doch alle manchmal das Gefühl, allein gelassen zu sein und emotional zu verhungern. Wir vereinbarten, er würde auf jeden fünften Brief zu antworten, mal Fotos schicken oder andere kleine Dinge, die ihn uns nahe brachten. Nur so konnte er bei uns sein. Nach ungefähr 6 Wochen hatte sich sein Arbeitsalltag einigermaßen eingespielt und es kamen die ersten Fotos bei uns an und von da an auch regelmäßig seine Briefe. Das hieß natürlich nicht, dass es so blieb. Jeder politische Vorfall vor Ort ging zulasten seiner freien Zeit und brachte mir Tage ohne jeglichen Kontakt zu S.
Den Ratschlag mancher Info-Broschüre, den Partner nicht mit Sorgen zu belasten, befolgte ich nicht. Nach jeder Schilderung unseres Alltagschaos’ folgte lediglich der Satz: „Du weißt, wir haben hier alles im Griff!“ Ich denke und er hat es mir oft bestätigt, es war immer richtig, S. auch von meinem Kummer oder von Sorgen zu erzählen.
Wir ordneten die Aufgaben im Haushalt neu, die jeder von uns in der Woche erledigte. Und diese Aufgaben haben wir auch noch abwandeln müssen, weil sie einfach teilweise viel zu schwer für uns waren. Ein Mal im Monat das Auto voll Papier und Glas laden und eben mal schnell wegbringen, das schafften wir nicht, so lernten auch wir unsere Grenzen neu kennen. Also gingen wir mehrmals in der Woche mit kleinen Taschen und erledigten das.
Ich fuhr sein Auto, es roch so gut nach unseren Reisen, und hatte auch keine Probleme mehr damit. Im Gegenteil, ich mochte sein Auto sogar mehr als meins. Es ist größer, sicherer und vor allem schneller. Nahm ich mir damit nicht ein Stück von ihm, auch wenn er es so wollte, und wie wird es für mich sein, wenn ich es dann wieder abgebe? Wird es dann unser Auto sein?
Wir machten wieder Sport. Das habe ich ein Jahr lang aus Bequemlichkeit nicht mehr geschafft. Jetzt ging es auf einmal und machte mehr Spaß als vorher. Sogar die Kleine hatte sich dazu entschlossen. Eigentlich wollte ich mit einer Nachbarin gehen, weil ich mich kenne und abends lieber zu haus bleibe, anstatt mich zu überwinden. Als sich meine Nachbarin dann spontan dagegen entschied, machte es mir plötzlich nichts aus, allein Sport zu machen. Ich hatte wieder Energie, lernte neue Leute kennen und traf mich sogar mit ihnen. Meist waren es Frauen, deren Männer auch im Einsatz waren.
Wir drei Frauen zu hause waren uns viel näher gekommen, die Pubertätsattacken der Mädels wurden seltener. Wir mussten alle lernen, die Trauer, den Frust und die Wut der anderen zu akzeptieren. Bei meinen ersten Heulanfällen kamen beide Mädels angerannt und entschuldigten sich bei mir, fragten, was denn mit mir los sei. Wahrscheinlich vorbeugend. Ich konnte mich nie ausweinen, hab dann möglichst schnell alles runtergeschluckt und mich zusammen genommen. Das ging aber nicht lange, ich bekam wieder Magenschmerzen. Ich habe ihnen erklärt, was ich empfinde, warum ich traurig bin und dass diese Gefühle normal sind und einfach nur raus müssen. Und mittlerweile verstehen sie meine Tränen und lassen mich dann in Ruhe.
Die Große zog sich anfangs sehr stark in sich zurück, sie kam am Wochenende gar nicht mehr aus ihrem Zimmer, lenkte sich pausenlos im chat ab. Ich beobachte meine Mädels sehr genau und finde, ein Teenager hat ein Recht auf seinen eigenen Bereich. In diesem Fall aber machte ich mir ernsthaft Sorgen, weil sie gar nicht mehr mit uns redete oder essen wollte. Im Gegenteil ging sie aus dem Raum, wenn S. anrief und wollte ihn nicht mal sprechen.
Ich habe sie mir dann einmal abends gegriffen, als ihre Schwester schon schlief und wir von Frau zu Frau reden konnten. Zum Glück kann ich mich sehr gut auf mein Bauchgefühl verlassen und auch dieses Mal lag ich richtig. Sie trauerte um S., ich glaube, sie weinte nach innen. Sie litt wirklich bis zu dem Moment, als ich sie daraufhin ansprach. Sie brach zusammen und weinte lange auf meinem Schoß. Für sie war er fort, er hatte sie mit ihren Mathehausaufgaben allein gelassen, mit einer Mutter, die mindestens genauso lange brauchte, um eine Aufgabe zu verstehen wie sie selbst. Sie war wütend auf ihn und konnte nicht damit umgehen, weil sie doch auf jemanden, den sie so gern hatte, nicht wütend sein durfte. Sie fühlte sich irgendwie verraten. Auch wenn sie mit 13 Jahren schon ein gutes Zeitgefühl hat, sind 4 Monate einfach nicht zu fassen und es musste den Kindern scheinen, als käme er gar nicht mehr wieder. Und so haben wir dann über alles geredet. Sie lacht jetzt wieder und schreibt ihm Briefe. Also bin ich auch noch Psychologin geworden.
Die anfängliche Aggressivität der jüngeren Tochter schob ich auf ihr lebhaftes Wesen, aber auch dahinter steckte ihre Unsicherheit gegenüber den Veränderungen bei uns. Sie begann sich mit ihren Freundinnen zu streiten, kam deshalb oft weinend aus der Schule. Dabei gab sie mir die Schuld an der Situation. Ich hätte S. nicht gehen lassen dürfen, weil wir ihn hier bräuchten. Ich konnte ihr nur mit Mühe erklären, dass es Menschen gibt, die nicht fähig sind, über ihren Tellerrand zu sehen und auch mit unterschiedlichen Meinungen gut miteinander auszukommen, sich sonst gegenseitig töten und S. genau das im Kosovo verhindert, weil er aufpasst. Auch mein Argument, dass S. dort auch Kindern den Frieden erhält, zog nicht wirklich, denn die Erwachsenen seien schuld an Kriegen. Und denen wollte sie nun mal ihre Meinung sagen.
Eine weitere Beschäftigung wurde das Internet-Forum. Dort stellte ich Links zu aktuellen Meldungen ein, schrieb Beiträge zu Themen, die mich interessierten, und traf Frauen, die immer nachvollziehen konnten, was mich bewegte und wie es mir gerade ging. Kein Thema, das nicht angesprochen werden konnte. Es gab die alltäglichen Klatsch- und Tratschgeschichten, verliebte Schmachtereien, Schwangerenkurse, Beschwerden über böse Schwiegermütter und viele Informationen, die ich so dringend brauchte. Viele Ereignisse im Einsatz sprachen sich herum und wurden diskutiert. Jeder tröstete jeden, alle lasen mit und keiner, der sich traute über seine Gefühle zu schreiben oder Fragen zu stellen, blieb allein damit. Allerdings waren mir die „Gespräche“ oft zu wenig durchdacht, vieles war schlicht falsch, was beim Altersdurchschnitt der Mitglieder/innen von ca Mitte Zwanzig im Nachhinein wenig verwunderlich war. Doch schon das Wissen, dass es dort Gleichgesinnte gab, machte es mir oft leichter. Mit einigen tauschte ich Telefonnummern aus und es entstanden Freundschaften, die bestimmt länger halten werden als ein Einsatz lang ist. Ein besonderes Ereignis war es, wenn wir uns trafen, mal zu Dritt auf einen Kaffee oder das „Nach-Bergfest“ in unserem Garten, zu dem sich im April 20 Frauen in meinem Garten trafen.
Im Forum kursierten aber auch Gerüchte, die viele beunruhigten. Wenn von eventuellen oder realen Seitensprüngen die Rede war oder wenn eine Beziehung beim Mitlesen beendet wurde, dann ging sozusagen ein Aufschrei durch die Reihen. Auch chatten wollte gelernt sein, auch nicht alles ernst zu nehmen, was geschrieben wird. Ein Bericht kam von einer Soldatin, die selbst im Einsatz gewesen war und dort ihren jetzigen Mann kennen gelernt hatte. Für ihre neue Liebe ließen sich beide nach dem Einsatz scheiden. War das nun wahr oder ausgedacht um Aufmerksamkeit zu bekommen? Gingen Menschen im Einsatz eher fremd, weil sie dort mehr „sozialen Kontakt“ brauchten als wir hier? Bei mir gab es tolles Kino im Kopf, das mich lange nicht schlafen ließ. Anstatt uns zu erklären, wie sie das damals empfunden hat, zeigte sie uns, wie wenig Ahnung wir Zuhausebleiber eigentlich wirklich vom Einsatz haben. Sie schrieb, dass es sowieso in den Lagern nur gemischte Duschen gäbe und das den meisten einsamen Männern sehr entgegen kommt. Das war schlichtweg gelogen. Warum tat sie das und warum dachte ich auch nur eine Sekunde, dass es wahr sein könnte? Ich fragte S. danach und er brach in Lachen aus. Gemeinschaftsduschen bei der Bundeswehr, wo es doch sogar für das auf-Bäume-Klettern eine Vorschrift gab. Später erzählte er mir, dass seine Kameraden sich sofort auf die Suche nach diesem Lager machen wollten, als sie die Geschichte hörten. Ich beschloss, nie wieder im Forum auch nur einen Beitrag über Partner und Familie zu lesen, um mich von solchen destruktiven Beiträgen nicht verrückt machen zu lassen. Misstrauen wäre der Anfang vom Ende unserer Beziehung und in dieser schweren Zeit war es oft auch ohne solche Geschichten schwer, bedingungslos an die Liebe zu glauben. Ich beschloss, mich nur noch auf S.s Aussagen zu verlassen.
Ich hielt mich an vergangenen gemeinsamen Erlebnissen fest und an dem, was S. und ich noch vor uns hatten. Nachts, wenn die Sehnsucht am schlimmsten war und ich davon aufwachte, drückte ich mein Gesicht in sein Kopfkissen und weinte mich wieder in den Schlaf. Manchmal lag ich morgens lange mit geschlossenen Augen im Bett um ja nicht zu sehen, dass sein Platz neben mir immer noch leer war. Keiner der so tröstete, wie er, wenn ein Traum mich erschreckt hatte. In diesen Momenten wäre ich sogar über seine kalten Füße glücklich gewesen, die er mir manchmal zum Wärmen unter die Decke streckte. Auch körperlich fehlte er mir. Ich besorgte mir deshalb Baldrian zum Einschlafen.
Aber es war auch ein wahnsinnig gutes Gefühl, den Alltag allein zu meistern. Ich ging nicht mehr traurig umher sondern ganz aufrecht. Würde S. bemerken, dass wir gewachsen waren und würde es ihm gefallen? Wir würden uns beide weiter entwickeln, neue Erfahrungen sammeln und müssten hinterher unseren gemeinsamen Weg wieder finden?
Dabei hatte ich während dieser fast fünf Monate immer das Gefühl, ich lernte ihn noch besser kennen. Allein, dass ich seine Angelegenheiten erledigen, seine Post öffnen und lesen musste, brachte ihn mir näher. Nicht selten wunderte ich mich über seine Art, Dinge zu sortieren. So ein beschriftetes Trennblatt kann manchmal viel Zeit sparen. Während unserer Telefonate lernte ich zwischen den Worten zu hören, ob es ihm wirklich so gut ging, wie er meistens behauptete. Es entstand eine besondere Art Aufmerksamkeit für den anderen. Schon kleine Details, ein dunkler Klang in seiner Stimme, ein „Ach Süße..“ verriet mir seine Sehnsucht nach mir und den Kindern.
Enttäuscht war ich während dieser Zeit von meinen Freunden und Bekannten hier. Sie meldeten sich einfach nicht, riefen nicht an. Die sms wurden seltener und hätte ich nicht ab und zu selbst die Initiative ergriffen, hätte ich zu einigen wohl ganz den Kontakt verloren. Hatte ich sie mal am Telefon, redeten sie mich meistens mit ihren Dingen zu. Ich bekam den Eindruck, viele wollten einfach nicht wissen wie es mir ging. Ich hätte verstanden, wenn sie nichts wussten und dann gefragt hätten, aber sie versteckten sich, wichen aus und wollten nicht darüber sprechen. Ich kam mir vor, als ob ich einen Sterbefall in der Familie hätte und die anderen waren sich nicht sicher, ob sie darüber reden durften, um mich nicht noch mehr traurig zu machen. Dabei wollte ich gefragt werden, wollte erzählen, wie gut wir das hier hinbekamen und wie toll ich mich fühlte, dass schon 40 Tage geschafft waren. Vielleicht dachten sie, ich warte jeden Tag auf DIE schreckliche Nachricht. Es war Unwissen gepaart mit fehlendem Interesse an anderen Erfahrungen und die Angst davor, unbequeme Antworten zu bekommen.
Verfasserin bekannt.