Heilig Abend in Kabul…
Sorry, daß ich mich solange nicht mehr gemeldet habe. Die vergangenen Feiertage haben auch uns in Beschlag genommen, fernab der Heimat, aber im Inneren ganz nah an ihr dran…im Geiste. Es war schon eine eigenartige Zeit. Eine Zeit, über die ich mir vor diesem Einsatz keine besonderen Gedanken gemacht habe. Weihnachten nicht zuhause? Das mache ich doch mit links
Denkste. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt:
…dieser Tag war nicht mein Tag. Erstens war er ein ganz normaler Arbeitstag und ich hatte Mühe, diese Tatsache innerlich zu akzeptieren. Dementsprechend war ich auch träge drauf, zumal ich die Nacht vorher wenig bis gar nicht geschlafen hatte. Eine DVD hielt mich bis morgens um drei Uhr in Schach und ich war noch mit unserem COM unterwegs zu einer Besprechung mit dem Chef des Afghan Culturehouse und dabei trank ich noch einen Espresso. Selber Schuld. Der 24.12. ein eigenartiger Tag. Je später die Stunde, desto mehr kam in mir eine innere Wehmut auf, auf die ich so nicht vorbereitet war. Ihren ersten Höhepunkt erreichte sie um 15 Uhr auf unserem Weihnachtsgottesdienst. Eine übervolle Kirche - einige mußten sogar stehen. Der Pfarrer hat seinen Gastkommentar, den er hier veröffentlicht hatte, zum Mittelpunkt seiner Predigt gemacht. Dabei habe ich die Augen geschlossen - ein Kamerad dachte natürlich, ich wäre eingeschlafen - und habe die Ruhe genossen. Danach Kaffe und Kuchen in der deutschen NSE National (Support Element = u.a. Betreungseinrichtung). Oh Tannenbaum und Heilige Nacht singen, Glühwein sollte es erst am Abend geben. Jeder durfte einen Brief mitnehmen, die Kinder einer bayerischen Schule an Soldaten im Einsatz geschrieben haben. Wir sollen ihnen antworten. Ich habe eine Karolina gezogen, 12. Klasse. Sie schreibt:

Als ich das gelesen hatte, spürte ich schon den ersten Druck in den Augenlidern. Fast wären sie geplatzt als ich dann die Radio-CD der 6. Kompanie aus Koblenz gehört hatte, auf der beim letzten Betreungsfest, die Angehörigen ihre Grüße an ihre Lieben hinterlassen hatten: Kinder, Elter, Omas und Opas (meine Freundin konnte ja leider nicht dabei sein). Schön, daß mich wenigstens die Frau eines Kameraden gegrüßt hatte. Vielen Dank übrigens. Hat mich riesig gefreut. Aber ich hätte fast das Heulen angefangen. Weihnachten allein ohne meine Freundin, so schlimm hätte ich mir das nicht vorgestellt. Ich war richtig traurig. Daß das so werden würde, hätte ich nie gedacht. Am Abend dann noch ein Glas Rotwein mit mit meinen Kameraden und dann ab auf die Stube. Allein sein. Das war genau das richtige für diesen Abend. Weihnachten im einsatz, daß muss man miterlebt haben. Erst dann weiß man ansatzweise, welche Entbehrungen Soldaten auf sich nehmen, wenn sie weg von ihrer Familie sind.
1. Weihnachtsfeiertag
Der Tag beginnt mit einem American Breakfast für 8 Euro in der Tora Bora Bar. Spiegelei, Würstchen, Speck, Rösti und Toastbrot. Schließlich ist ja Weihnachten! Man gönnt sich ja sonst nichts. Resultat: Fehlinvestition. Überteuert und vom Geschmack her eher befremdlich. Egal. Ist ja Weihnachten. Danach fast vier Stunden Schach gespielt. Ablenkung und der Geist muß ja auch trainiert werden. Dummerweise hatte ich meinen Gegner im Friff und machte dann einen Flüchtigkeitsfehler. Der Schock danach so groß, daß die Dame dann auch gleich weg war. Verwirrung. Zaungäste. Zum Schluß schaute sogar unser Chef zu, spielte dann für uns beide. Egal. Das war Massage fürs Hirn. Tat gut. Von 10 bis 15 Uhr war der Tag gerettet. Eine spannende Partie.
Abends dann unser Hauptevent: Weihnachtessen zusammen mit den Canadiern. Immer zwei Nationen gemeinsam, für jeweils eine Stunde. Draußen in der Kälte warten, weil die Vorgängernationen (ich glaube Belgier und Engländer) länger brauchten als eingeplant. Dann wir rein: geschätze dreihundert Mann in einer Schlange. Ein General und drei Oberste verteilten das Essen am Thresen. Allein das dauert schon 46 Minuten, so daß für den Toast, die Reden und das Gesinge netto nur noch sechs Minuten Zeit blieben. Die restlichen acht zur Nahrungsaufnahme. Da unser Tisch pfiffig war, waren wir die ersten die drin waren und konnten wenigstens ein bisserl genießen. Fastfood-Weihnachten, inklusive Clubanimateuer, einem canadischen General, der in der Vorausblidung bestimmt mal nen Praktikum im ClubMed gemacht haben muß. Zack-zack: Anstehen, Essen, Singen und Redenschwingen und schnell wieder weg. Die nächsten warten schon draußen.
2. Weihanchtsfeiertag…ein ganz normaler Arbeitstag. Ich bin froh, daß diese Tage nun endlich herum sind. Unser Tannenbaum steht noch, unter dem wir unser eigenes kleines Weihnachtsfest gefeiert hatten.
Heilig Abend in Kabul. Weit weg, aber dennoch nah dran an zuhause. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.
Im Neuen Jahr beginnt dann die Unterstützung der Kabuler Schule. Mittlerweile haben wir einige 1000 Euro für CASH zusammenbekommen, sogar aus Belgien erhalten wir Unterstützung. Belgische Kameraden beteiligen sich an unser Aktion mit insgesamt sieben Europaltten Spielsachen und Winterkleidung für Schüler in Kabul. Auch ein ostfriesischer Kamerad hilft mit. Die von Schule einer Freundin von ihm hat insgesamt 80 Kartons Spielsachen und Winterkleidung gesammelt. Auf uns kommt also viel Arbeit zu. Das Neue Jahr wird spannend beginnen. Ich werde hier berichten, wie es weiter geht.
Dieser Bericht die subjektive Sicht meiner Weihnacht im Einsatz. Vielleicht auch nur, weil es die erste war.
Ich bedanke mich für die rege Beteiligung in diesem Blog und wünsche allen Lesern einen guten Rutsch ins Neue Jahr.
Viele Grüße aus dem kalten Kabul.

am 29. Dezember 2007 um 4:59 pm Uhr.
“Dieser Bericht (ist)die subjektive Sicht meiner Weihnacht im Einsatz. Vielleicht auch nur, weil es die erste war.”
Grüße nach Kabul,
ich kann nicht empfehlen, sich mehrfach auf dieses Erlebnis einzulassen. Ich bin ebenfalls froh, diese Tage endlich hinter mir zu haben.
Auch beim dritten Weihnachtsfest konnte alle Anstrengung, die die Soldaten unternommen haben, nicht darüber hinweg täuschen, das unser Platz in diesen Tagen eigentlich woanders ist.
Jedes verpasste Weihnachtsfest, jeder verpasste Jahreswechsel, jeder Geburtstag führt mich erneut an die Grenzen. Warum mache ich das hier? Mehr als 80 Millionenen Deutsche fahren gut damit, sich nicht in anderen Ländern zu engagieren und sich damit in Lebensgefahr zu bringen.
Das Weihnachtskontingent wirft die Frage auf, in wie fern der Auslandsverwendungszuschlag diese Entbehrungen kompensieren kann.
Für mich endet die schwierigste Zeit am 4. Januar. Dann hat mein Sohn zum dritten Mal Geburtstag und feiert zum zweiten Mal allein, weil sein Vater in Afghanistan ist.
Befohlen - nicht wirklich. Aber die Karriere soll ja weiter gehen und so lehnt man sich nicht gegen den “Bedarf” auf.
Teil des Berufes - ja, keine Frage. Aber Kameraden zu sehen, die regelmäßig um Kontingentzeiträume wie diesen herum kommen macht nachdenklich.
Das hat man ja schließlich vorher gewußt - mag sein. Aber jedes Weihnachtsfest, jeder Einsatz ist anders. Im ersten Einsatz frisch verheiratet, im zweiten Vater und im dritten Einsatz zweifacher Vater. Jeder Einsatz ist neu.
Einziger Ausweg ist die sofortige Einsatzplanung nach der Rückkehr nach Haus anzugehen und kaum angekommen schon den nächsten Einsatz zu buchen, um solche Situationen zu vermeiden.
Alles Gute aus dem Norden
am 3. Januar 2008 um 12:16 pm Uhr.
Lieber Boris,
an dieser Stelle auch nochmal von mir ein gutes neues Jahr.
Hoffentlich hast du die Feiertage fernab von zu Hause gut überstanden, hast Kraft und Stärke gesammelt, um die nächsten Wochen gut durchzustehen.
Halt die Ohren steif,
liebe Grüße vom Lerchenberg
Max
am 10. Januar 2008 um 2:11 pm Uhr.
Liebe Beteiligten,
mit Schrecken habe ich (im Dezember) den Bericht im heute Journal über die Schulkinder, die Briefe an “unsere” Soldaten in Afghanistan senden, verfolgt. So eine populistische “propaganda”-Berichterstattung bin ich sonst im ZDF nicht gewohnt. Ich würde sehr gerne wissen, was die Kinder wohl für diese gute Tat bekommen haben. Vielleicht ein Eis? Ich finde es schlimm, dass Kinder heutzutage zu solchen Zwecken missbraucht werden und das ZDF auch noch darüber berichtet. Wir sind doch nicht mehr im Dritten Reich.
Als Frau eines sich im Einsatz befindlichen Soldaten, habe ich nicht viel Verständnis für solch einseitigen und verherrlichenden Journalismus. Aus Gesprächen mit meinem Mann und seinen Kameraden weiß ich, dass die meisten Soldaten sich nicht als Helden und/oder Retter fühlen, sondern den Einsatz lediglich als eine für sie unumgängliche Pflicht sehen und die Mission an sich für unsinnig halten.
Im Übrigen ist das Engagement von CASH mit Sicherheit löblich, rechtfertigt jedoch nicht einen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan.
am 10. Januar 2008 um 2:40 pm Uhr.
Liebe Meike,
bitte was verstehen Sie unter Propaganda? Und was unter verherrlichenden Journalismus? Ich habe mich ueber diese Post gefreut und ich kenne hier viele Kameraden, den es auch so erging. Als Soldatenfrau kennen Sie mit Sicherheit die Last der Daheimgebliebenden und natuerlich auch die Ihres Mannes. Um so verwunderlicher finde ich es, dass Sie diese Briefe der Schueler, die uns durchaus Freude bereitet haben, so banal abwerten. Was bitte soll das mit dem 3. Reich zu tun haben - fuer mich so nicht nachvollziehbar! Im Uebrigen finde ich es schade, dass sie behaupten, die meisten Soldaten hielten diese Mission fuer unsinnig. Ich kenne einige, die anderer Meinung sind als Sie. Aber, Sie werden schon Ihre Gruende dafuer haben und die gestehe ich Ihnen auch zu. Doch Schueler-Briefe mit dem 3. Reich zu vergleichen, kann ich so nicht stehen lasen.
In diesem Sinne, herzliche Gruesse und Ihrem Mann alles Gute.
B. Barschow
am 22. Januar 2008 um 12:55 am Uhr.
… angesehen davon dass in diesem Fall die Schreiberin bereits in der K12 war, soll heißen auf jeden Fall 18 war, von Zwang kann also keine Rede sein da sie sich sicherlich “gewehrt” hätte wenn es nicht in ihrem Sinn war.
Ich persönlich kann davon berichten dass SAE von Schulen kontaktiert wird deren Schüler auf die Lehrer zugegangen sind und ähnliche Nachrichten an Soldaten schicken wollen.
am 27. Februar 2008 um 2:50 pm Uhr.
Hallo zusammen,
geschockt bin ich über die Äußerung von Meike.
Meike,
wissen Sie, Weihnachten woanders zu verbringen ist schon schlimm genug. Jedes Stückchen Zuspruch und jedes Stückchen Heimat sind gerade in diesen Momenten sehr wichtig. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie sehr sich die Kameraden über die Briefe gefreut haben.
Können Sie nachvollziehen wie es ist, wenn man an Heilig Abend zu Hause anruft und alle zusammen sind, Sie aber nicht dabei sein können? Wenn ein Päckchen geöffnet wird, dass Sie über Feldpost nach Hause geschickt haben und am Telefon erleben, wie sich Ihre Familie über die Geschenk freut und die dann am Telefon ausgepackt werden?
Ich glaube nicht. Denn sonst hätten Sie so einen Kommentar nicht hinterlassen.
Ansonsten schließe ich mich dem Beitrag von Herrn Barschow im vollen Umfang an.
am 2. November 2008 um 11:38 am Uhr.
[...] Die Bilder aus der Weihnachtszeit Kabul 2007. [...]
am 17. Dezember 2008 um 2:43 pm Uhr.
[...] ihren Dienst verrichten. Sei es der Gastkommentar von Militärdekan Christian Fischer, der Bericht Heilig Abend in Kabul oder der Blick auf diese spärliche Tanne, die Klickzahlen auf diese Seiten schnellen in die [...]
am 23. Dezember 2008 um 10:32 am Uhr.
[...] Eine schöne Idee des Grünewald Gymnasiums. Diesen Brief habe ich letztes Jahr zu Weihnachten erhalten. Eine wundervolle Geste. Es gibt Menschen, die an uns gedacht haben. Das hat geholfen, die zuweilen schwierigen Momente im Einsatz zu “überstehen” - besonders an Weihnachten. [...]
am 30. Dezember 2008 um 6:07 pm Uhr.
Bin auf Euren Artikel durch “Erstens kommt es anders…” gestossen, und da mein Heiligabendtitel auch so klingt, habe ich mir erlaubt, Euch anzuführen (http://ohlmer.es/blog/250 , weiss nicht warum der PingBack offensichtlich nicht funktioniert hat..).
Gruss, Aushalten, und Guten Rutsch!
Rattler
Gib mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich zu ändern vermag, und gib mir die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden. Friedrich Oetinger
am 30. Dezember 2008 um 9:56 pm Uhr.
Lieber Herr Oetinger,
nun ist er ja da…der Link. Danke dafür. Allerdings bezog sich jener auf die Weihnacht 2007…anyway: im Prinzip wirds dieses jahr nicht anders gewesen sein.
Ihnen einen guten Rutsch.
Viele Grüße
B.B.